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Dramaturgie in 6 Sekunden

4 Min. Lesezeit  ·  
Anna Dömling
11. Mai 2016

Videos auf Instagram dürfen maximal 15 Sekunden lang sein, Videos auf Vine sechs. Instagram und Vine sind zwei primär für Smartphone ausgelegte Dienste, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Wir konsumieren Inhalte allgemein immer mehr über das Smartphone, egal ob an der Bushaltestelle oder im Meeting. Meist haben wir dabei nur wenig Zeit. Entsprechend passen sich die Plattformen unseren Nutzungsgewohnheiten immer mehr an und beschränken ihre Videos. Auch in der Produktion macht es für gewisse Zielgruppen Sinn, sich auf kürzere Formate zu beschränken. Aber wie kann man in so kurzer Zeit eine ganze Geschichte erklären?

 

Exposition – Peripetie – Katastrophe

Bedeutungsschwangere Worte, die einige von uns vielleicht noch aus Schule oder Studium kennen und die elementare Bestandteile eines jeden Spots sind. Bereits in der Grundschule bekommt man erklärt, wie eine gute Geschichte aufgebaut sein soll: Erklärung der Ausgangslage am tiefsten Punkt, langsamer Spannungsaufbau bis hin zum Höhepunkt und schließlich schneller Abfall bis hin zum Schluss – fertig ist die „Erzählmaus“.

Doch in sechs Sekunden müssen wir unsere Gewohnheiten über Bord werfen, und das auf allen Ebenen:

 

Plot

Das wohl grundlegendste Prinzip für sogenannete Microfilms, also Clips, die nur wenige Sekunden lang sind, ist eigentlich ganz simpel und gleichzeitig die größte Herausforderung: Den Clip einfach halten.

Haben wir nur wenige Sekunden, bleibt keine Zeit, um komplexe Zusammenhänge zu erklären. Man muss sich zuvor genau überlegen, womit die Message vermittelt werden soll. Dafür sind vor allem Emotionen oder humorvolle Szenen geeignet, da sie für den User viel schneller greifbar sind als ausführliche Produktinformationen.

Eine eingängige und unkomplizierte Handlung ist also die Devise. Aufgrund der kurzen Zeit kann es nur noch darum gehen, Bekanntheit für ein Produkt bzw. eine Marke zu schaffen, und nicht vordergründig darum, eine ausführliche oder sehr informative Geschichte zu erzählen.

Ist die Handlung klar strukturiert, kann es genügen, nur einen Teil der Geschichte darzustellen. Vielleicht sehen wir sogar nur den Schluss, sodass die Vorgeschichte nur in der Vorstellung des Users stattfindet und so bei jedem eine ganz eigene, individuelle Geschichte entsteht. Ein schönes Beispiel aus der Literatur gibt Hemingway: „For sale: Baby shoes. Never worn.“ Mit nur sechs Worten schafft er, was andere nicht in 90 Minuten schaffen.

Eine andere Variante ist es, die Story nur bis zum Höhepunkt zu erzählen und den User mit seinen Emotionen unvollendet stehen zu lassen. Dadurch wird dessen Aktivitätspotenzial angeregt und er klickt sich selbst weiter, um seine Neugierde zu befriedigen.

Eine offene Dramaturgie mit Cliffhanger kann also auch als Call-To-Action funktionieren. Jedoch nur, wenn die Geschichte auch interessant genug ist. Das User-Verhalten im Netz unterscheidet sich extrem vom TV und daran müssen sich auch die Spots anpassen. Nur wenn der Clip den User unterhält und ihm nicht in seinem Userflow stört, wird er ihn zu Ende sehen und sich weiterklicken, um mehr Informationen zu erhalten.

 

Schauplatz

Auch hier gilt: einfach halten. Der User muss im Bruchteil einer Sekunde erkennen können, wo die Szene stattfindet. Tut er das nicht, ist er die ersten Sekunden damit beschäftigt, sich im Clip zurechtzufinden und folgt nicht mehr der Handlung. Haben wir insgesamt aber nur sechs Sekunden, ist kaum mehr Raum für Inhalte. Hier ist es oft hilfreich, mit bereits Bekanntem oder Klischees zu spielen.

 

Figuren

Ähnliches gilt auch für die Protagonisten. Sie dürfen nicht zu vielschichtig aufgebaut sein, sondern sollten einem Stereotypen entsprechen, der sofort offensichtlich wird: Der Geschäftsmann mit Anzug und Aktenkoffer, die Hexe mit Zauberstab und Hut, der Bauer mit Gummistiefeln und Mistgabel. Oder aber die Gesichter sind bereits aus früheren Spots oder aus der Öffentlichkeit bekannt.

Dabei ist es oft wirksam, den Spot nicht zu aufzubauschen, sondern sich auf wenige Charaktere zu fokussieren. Online-Videos werden vorwiegend auf mobilen Endgeräten konsumiert. Das bedeutet wiederum, dass das viel Raum in der Bildkomposition einnehmen sollte, worauf der Fokus liegt, da es auf den kleinen Displays sonst schwer zu erkennen ist.

Wird dann auch noch im Quadrat, wie es bei Vines üblich ist, oder gar in Hochkant gefilmt, werden die natürlichen Sehgewohnheiten völlig aufgelöst. Um den User nicht mit all den Neuheiten zu überfordern, gilt auch hier, den Plot einfach halten, sodass sich der User auf das Wichtige konzentrieren kann. Jede Einstellung muss wie ein Foto eigenständig funktionieren; in sich selbst eindeutig und leicht zuzuordnen.

Es ist und bleibt also ein Balance-Akt. Wie viel ist zu viel und wie viel zu wenig? Nur eines ist klar: Bei jedem Microfilm sollte man sich genau überlegen, wie man mit den klassischen Regeln der Werbung bricht und nicht, wie man sie in sechs Sekunden presst.

 

 

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