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Was Snapchat ausmacht(e)

3 Min. Lesezeit  ·  
Oliver Schwamb
21. Juli 2016

Viele unter uns fragen sich, was es mit Snapchat auf sich hat. Warum ist Snapchat so erfolgreich geworden? Wie funktioniert Snapchat? Wie wird Snapchat genutzt?

Bevor ihr diese Fragen beantworten könnt, solltet ihr euch eines vor Augen führen: Snapchat wurde erfolgreich, weil es non-lineares Live war. Aber Moment mal: „Non-lineares Live“, widerspricht sich das nicht? Wer diese Frage mit ja beantwortet, hat Snapchat noch nicht verstanden. Im Folgenden möchte ich euch zeigen, warum Snapchat non-lineares Live ist und warum das aktuellste „Memories“-Update von Snapchat die App „zerstört“ haben könnte.

Was ist Snapchat

Bevor wir zum non-linearen Live kommen, ein kurzer Überblick über Snapchat und die Funktionen der App (der „Beginner’s Guide“). Snapchat ist eine App und so, als App, nur auf mobilen Geräten verfügbar.

Snapchat ermöglicht drei verschiedene Arten der Nutzung: Chat, Stories und Discover. Hinter dem Chat verbirgt sich die Möglichkeit, in eine One-to-One-Kommunikation mit Freunden zu treten. Diese Kommunikation kann durch Text-, Bild- und Videoinhalte geführt werden. Stories sind das Tool zur One-to-Many-Kommunikation auf Snapchat. Die Inhalte hier sind Bild- oder Videomaterial. Sie können für alle Bekannten oder die ganze Welt, also alle Snapchat-Nutzer, einsehbar sein. Discover ist die Spielwiese für Publisher wie MTV oder Buzzfeed. Auf Discover können diese Inhalte in Text-, Bild- oder Videoform positionieren, die für alle Snapchat-Nutzer einsehbar sind.

Snapchat vereint die Funktionalität verschiedener „Konkurrenten“, WhatsApp (Chat), Twitter & Facebook (Stories) und Feedly (Discover), und gibt ihnen dabei ganz neue Funktionen, die Snapchat zum Erfolg verholfen haben, das Element „non-lineares Live“.

Non-lineare Live-Kommunikation

Anders als WhatsApp sticht Snapchat in seiner Chat-Funktion als Messenger hervor, weil es Inhalte „verschwinden“ lässt. Nutzer schicken sich Textnachrichten auf Snapchat, die nur für eine begrenzte Zeit verfügbar sind. Nutzer schicken sich Bilder auf Snapchat, die maximal zehn Sekunden einsehbar sind und Videos laufen nur einmal und nur genau so lang, wie diese Videos auch dauern. Das macht die Kommunikation weniger zwanghaft: Die Kommunizierenden müssen sich keine Sorgen machen, dass ihr Bild für immer auf dem Gerät des Gesprächspartners gespeichert wird. So können auch Inhalte kommuniziert werden, die nicht „glossy“ sind, Gesichter können ungeschminkt sein, es dürfen dumme Sprüche fallen, denn nach zehn Sekunden sind alle Peinlichkeiten wieder vergessen. Vielleicht nicht vergessen, aber sie können nicht wieder ausgegraben und zum eigenen Nachteil verwendet werden.

In der Theorie – denn es gibt für Empfänger von Snaps Wege, das Vergessen zu umgehen: Snapchat bietet die Möglichkeit, Textnachrichten zu archivieren. Von Bildern können Screenshots gemacht werden. Und es gibt eine „Replay“-Funktion, bei der Bilder oder Videos ein zweites Mal gezeigt werden. In diesen Fällen werden aber beide Gesprächsteilnehmer darüber informiert, dass ein Screenshot gemacht oder ein Video nochmal angesehen wurde. Und an dieser Stelle kommt ein weiteres spannendes Element in der One-to-One-Kommunikation hinzu: Vertrauen. Können sich die Gesprächspartner vertrauen, wird die Kommunikation über Snapchat noch ungezwungener und für beide Seiten spannender.

Soweit, so einzigartig. Mit diesen Features kann WhatsApp nicht dienen. Aber warum habe ich Snapchat als non-lineares Live bezeichnet? Non-linear ist die Kommunikation, weil die Inhalte solange zur Verfügung gestellt werden, bis sie vom Gesprächspartner abgerufen, also angesehen, wurden. Den Live-Charakter bekommt die Kommunikation durch die „Einmaligkeit“ der Inhalte. In einem echten Gespräch muss ich nachfragen, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Kann ich auf Snapchat ein Bild innerhalb der vorgegeben Zeit nicht dechiffrieren, muss ich auch hier die Bedeutung der Kommunikation erfragen, als wäre ich in einem Live-Gespräch.

Non-lineares Livestreaming

Während sich die non-lineare Live-Kommunikation auf den Chat, also die One-to-One-Kommunikation bezieht, geht es im non-linearen Livestreaming um die „Stories“, also die One-to-Many-Kommunikation. In den Stories haben die Nutzer die Möglichkeit, Bild- oder Videoinhalte in ihrer Story für 24 Stunden zu veröffentlichen. Nach dieser Zeitspanne werden die Inhalte automatisch gelöscht. Diese Bilder oder Videos können von Freunden oder von allen Snapchat-Nutzern (je nach Privatsphäre-Einstellung des Veröffentlichenden) unbegrenzt oft angesehen werden. Aber anders als bei etablierten sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter können keine Inhalte geliked oder geshared werden. Das setzt die Stories inhaltlich deutlich von den „Profilen“ der etablierten Player ab, denn es ändert die Art der Inhalte, die hier veröffentlicht werden radikal! Es geht nicht mehr darum, Likes und Shares zu sammeln, das heißt, es geht nicht mehr darum, den anderen zu gefallen. Snapchatter gehen weg vom Profil-Denken der Facebook- und Twitter-Zeit, in der jeder Post zu einem Image beitragen sollte und für immer einsehbar war. Inhalte auf Snapchat sollen informieren oder unterhalten oder auch nicht, das äußert sich aber in keinen Kennzahlen.

Warum ist das non-linear live? Auch hier liegt die Non-Linearität in der Bereitstellung der Inhalte über einen gewissen Zeitraum, also in der ständigen Abrufbarkeit der Inhalte. Diese wiederum sind es, die „live“ sind.Eine weitere Besonderheit der App lag darin, dass Inhalte immer live entstehen mussten: Nutzer konnten keine vorproduzierten Bilder oder Videos in ihre Stories einspeisen (es sei denn, sie filmten diese von einem Bildschirm ab), bis das „Memories“-Update eingespielt wurde. Jetzt können Snapchatter auch auf lokal auf dem Gerät gespeicherten Inhalte zugreifen. Sie können Content also vorproduzieren, auf Hochglanz polieren und dann in ihre Story posten. Einzig ein schwarzer Rahmen und die Entstehungsuhrzeit des vorbereiteten Contents weisen darauf hin, dass dieser Content nicht „live“ entstanden ist. Bis Anfang Juli war alles, was Snapchatter in ihrer Story posteten, innerhalb der letzten 24 Stunden wirklich so passiert und konnte nur mit einem Smartphone oder Tablet aufgezeichnet werden. „Live“ stand hier also für Inhalt, der so innerhalb der letzten 24 Stunden im direkten Umfeld der Snapchatter entstanden war, ohne retuschiert, geschnitten oder poliert geworden zu sein. Snapchat ist bzw. war ein (Live) Experience-Medium, kein gesammeltes und kuratiertes Profil. Letzteres könnte uns jetzt wieder bevorstehen, denn plötzlich ist es möglich Content mit hochwertigen Kameras aufzuzeichnen, zu schneiden, Bilder mit Photoshop zu bearbeiten und dann zu veröffentlichen. Und wir als Nutzer wissen zwar, dass ein Content nicht „live“ entstanden ist, werden das unbewusst aber ignorieren, wenn sich der Content gut in die Story einfügt.

RIP Snapchat, das besonders war

Snapchat war non-linear Live. Inhalte, die auf Snapchat verschickt wurden, waren Inhalte, die im Moment entstanden sind. Wer sich die Story eines Snapchatters ansah, wusste, er ist mittendrin, nicht nur dabei. Es gab nur eine Möglichkeit, zeitlich und inhaltlich näher an seinen Freunden und Idolen zu sein und das war echtes Live. Das wiederum wartete nicht auf die Nutzer, wartete nicht darauf von einem bestimmten Nutzer angesehen zu werden. All dies hat Snapchat mit seinem Update über Bord geworfen. Snapchat hat sein Killer-Feature aus der Hand gegeben, denn in einer Zeit, in der alles jederzeit verfügbar ist, in der alles darauf optimiert wird, möglichst repräsentativ und schön zu sein (danke Facebook), war das non-lineare Live Snapchats ein Lichtblick in Sachen Authentizität.

Snapchat hatte die Art, Inhalte zu kreieren und zu konsumieren, zu einem Erlebnis gemacht. Inhalte waren nicht mehr vorproduziert, nicht mehr bis zu ihrem Tod überarbeitet und an Shares und Likes angepasst. Auf Snapchat waren Inhalte lebendig. Live. Stellen wir uns jetzt auf ein neues Snapchat ein, das doch nur ein schlankes und zeitgemäßes Facebook ist!

Für Unternehmen dürfte das Update übrigens ein großer Segen sein, denn es erleichtert ihnen die Arbeit auf dem Netzwerk ungemein. Warum? Das könnt ihr in meinem demnächst folgenden Artikel „Snapchat für Unternehmen“ lesen. Um diesen nicht zu verpassen, tragt euch einfach in unseren Newsletter ein.

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