Titel

Online-Marketing in der Kinofilm-Branche – Ein Interview mit Max Wiedemann

4 Min. Lesezeit  ·  
Oliver Schwamb
17. Juni 2015

Der Filmproduzent Max Wiedemann zeichnet sich – gemeinsam mit Quirin Berg – verantwortlich für eine Reihe von erfolgreichen, deutschen Kinofilmen. Die Produktionsfirma Wiedemann & Berg produzierte neben dem Oscar-gekrönten Film „Das Leben der Anderen“ Filme wie „Kein Bund für’s Leben“, „Männerherzen“, „Friendship!“, „Vaterfreuden“ oder „Who Am I – Kein System ist sicher“. Allein mit diesen Filmen konnten Max Wiedemann und Quirin Berg mehr als neun Millionen Zuschauer in die Kinos locken. Und das auch in Zeiten sinkender Zuschauerzahlen in Kinosälen: Laut Filmförderungsanstalt FFA besuchten 2014 weniger Zuschauer einen Kinofilm als in den 5 vorhergehenden Jahren.

Wie also reagiert die Kinofilmbranche auf die sinkenden Zahlen und wie geht die Branche mit den Herausforderungen und Möglichkeiten des Online-Marketings um?

 

Max, wie sieht deine Vision der Kinofilm-Industrie aus?

Max Wiedemann: Ich glaube, in Zukunft werden sich Kinofilme eher durch ihre Machart, als ihre Auswertungskaskade unterscheiden. Meine persönliche Vision und auch meine Hoffnung wäre, dass die Zuschauer in Zukunft nicht mehr reglementiert werden, wann sie was, wo sehen können. Der Zuschauer soll selbst wählen können. Dabei muss die Industrie Preismodelle entwickeln, die dem einerseits Rechnung tragen und andererseits dafür sorgt, dass alle Beteiligten davon leben können. Dieses Learning hat uns die Musikindustrie schon voraus. Auch dort musste man sich vom strikten Modell „Du musst eine Platte kaufen, am besten physisch“ verabschieden und eine Flexibilisierung durch Flatrate-Modelle oder On-Demand Angebote ermöglichen. Das ist auf den Filmbereich zwar nicht eins zu eins übertragbar, aber ich glaube, daraus kann man lernen, dass jede Entwicklung vom Nutzer aus gedacht werden muss. Ich sehe da für die Kinofilm-Industrie im Moment ein sehr offensichtliches Feld: Die Möglichkeit einen Kinofilm am Starttag nicht nur im Kino zu sehen, sondern auch zuhause – on Demand. Da gibt es einen großen Bedarf, denn es gibt viele Zuschauer, die einen Film gerne sehen würden, es aber aus verschiedensten Gründen zum Starttag nicht ins Kino schaffen können.

 

Muss die Zielgruppe der „On Demand-Kunden“ dann besonders angegangen werden?

Max Wiedemann: Was manchmal ein bisschen vergessen wird, ist, dass das Interesse an einem Film auch zeitpunktabhängig ist. Es ist nicht so, dass die Zuschauer sechs Monate nach Kinostart das gleiche Interesse verspüren, einen Film anzusehen, wie zu dem Zeitpunkt, zu dem sie mit einer Marketing- und PR-Kampagne richtiggehend heiß auf den Film gemacht worden sind. Ich denke, das wird noch stark unterschätzt.

 

Wie muss sich eine Marketing- und PR-Strategie denn ausbreiten?

Max Wiedemann: Marketing und PR ist nichts, was man singulär betrachten kann. Man kann nicht sagen: Wir machen nur Online oder nur TV-Werbung. Ich glaube, Marketing und PR muss immer 360 Grad sein. Wichtig ist, dass gerade auch die neuen Möglichkeiten im Online-Bereich nicht außer Betracht gelassen werden. Gerade Blogs werden immer wichtiger, weil sie eine große Glaubwürdigkeit besitzen. Sie transportieren keine so offensichtliche Werbebotschaft, sondern haben für den Zuschauer oder User eine gewisse Verlässlichkeit.

 

Du sprichst von Blogs und ihrer Glaubwürdigkeit: An welche Art der Präsentation denkst du dabei?

Max Wiedemann: Der Klassiker sind Filmkritiken. Klar! Wenn man einen guten Film hat, dann möchte man ihn Kritikern zeigen. Es ist eine gute Möglichkeit einen „early buzz“ zu erzeugen, wenn viele Kritiker über den Film schreiben. Auch sehr hilfreich sind Sneak-Previews. Denn es gibt eine ganz vitale Szene im Internet, die sich mit der Kritik von Sneaks auseinandersetzt und zu einer frühen Phase kann auch das etwas entfachen.

 

Vergleichbar mit Sneak-Previews sind exklusive Online-Bewegtbildinhalte. Nutzt ihr diese?

Max Wiedemann: Das machen wir, weil es die Lust auf den Film verstärkt. Man ist da aber immer in der Abwägung: Auf der einen Seite möchte man nicht zu viel verraten und auf der anderen Seite möchte man den Zuschauer für den Film begeistern. Das muss man ausbalancieren. Aber es hat sich gezeigt, dass das Anreichern der Kampagne durch exklusive Film-Clips, den Zuschauern einen Mehrwert bietet. Es stellt sich ja die Frage: Warum soll man sich auf der Fanseite eines Films anmelden? Wenn man auf dieser Fanseite nur Dinge erfährt, die man schon weiß und die einen weder emotional bereichern, noch einen Informationsgehalt haben, dann ist da auch kein Grund, warum man dieser Fanseite folgen sollte.

 

Du hast 360 Grad Kampagnen angesprochen. Wie wirst du in Zukunft deine Zielgruppe damit erreichen können?

Max Wiedemann: Das ist immer sehr filmabhängig. Man muss sich bei jedem Film auf’s Neue überlegen: Was ist der USP? Warum muss ich den Film als Zuschauer gesehen haben? Individuell von Film zu Film fragen wir uns auch: Was ist es denn, was mich selber gereizt hat, den Film zu machen? Das ist eine Aussage, die erstmal abgekoppelt ist, von dem Medium über das ich meine PR- oder Marketingkampagne bespiele. Das ist eigentlich die Grundidee, der Kern, von dem aus alles weiterentwickelt werden muss. Danach muss sich dann die gesamte Kampagne richten.

 

Wie erreicht ihr jüngere Generationen?

Max Wiedemann: Die spricht man da an, wo sie zuhause sind. Wenn du männlich und jung ansprechen willst, gehst du auf YouTube. Facebook und soziale Medien sind gerade bei der weiblichen Zielgruppe nicht zu unterschätzen. Das muss man sich, wie gesagt, von Fall zu Fall anschauen. Ich finde es aber auch wichtig, dass sich eine Werbekampagne nicht nur in einem Medium tummelt. Die wirklich relevanten Filme, die große Besuchermassen in die Kinos bringen sollen, zeichnen sich oftmals dadurch aus, dass sie sehr breit in der Zielgruppenansprache sind. Genauso breit will man dann auch die Kampagne sehen. Einen Film, den ich nur über Facebook wahrgenommen habe, über den ich ansonsten nichts gelesen habe, von dem keine Fernsehspots, keine Plakate gesehen habe und keinen Radiospot gehört habe, nehme ich sehr nischig wahr, nicht als Mainstream-Produkt.

 

Nochmal ein Blick nach vorne: In zehn bis fünfzehn Jahren, wie wird dann das Online-Marketing deiner Meinung nach aussehen?

Max Wiedemann: Das ist weit vorausgegriffen (zögert). Ich glaube, dass Online-Marketing insgesamt noch sehr viel personalisierter wird. Ich hoffe, dass man sehr viel mehr auf den individuellen Geschmack der Zuschauer abstellt. Dabei wird das Online Marketing hoffentlich nicht nervig (lacht). Ich denke, es wird immer einen Bedarf an guten Filmen geben, unabhängig davon, ob man sie im Kino, zu Hause im Heimkino oder auf seiner Oculus Rift im virtuellen Kino ansieht. Am Ende des Tages wird man immer Content brauchen, unabhängig vom Verbreitungsweg. Dieser Content wird immer wieder auf’s Neue generiert werden müssen, denn eine Marktsättigung wird nie eintreten. Es gibt immer einen Hunger nach neuen Geschichten, nach neuen Filmen. Dieser muss bedient werden.

 

Euch hat gefallen, was ihr geselen habt? Dann tragt euch in unseren Newsletter ein und verpasst keinen Artikel mehr!